Grammatikstübchen

Grammatikstübchen

In meinem kleinen Grammatikstübchen gebe ich kurze Erklärungen zu sprachlichen Phänomenen.

Hierbei beschränke ich mich nicht auf reine Grammatikregeln, sondern gebe auch einen Überblick zu anderen relevanten Themen für Autoren.

Hier geht es zur Hauptseite: syntax-lektorat.de

"Moral ist, wenn man moralisch ist"

SprachlehrePosted by Mara Mon, October 05, 2015 14:44:51
Dieses berühmte Zitat aus Büchners Woyzeck ist eine Tautologie.

Der Begriff Tautologie wird oft mit dem Begriff Pleonasmus gleichgesetzt, obwohl streng genommen ein kleiner Unterschied besteht.

Ein Pleonasmus ist eher ein Begriff, der mit einer weiteren Eigenschaft beschrieben wird, die keinen zusätzlichen Informationsgewinn bringt, wie beispielsweise "kaltes Eis". Logisch, denn Eis ist ja immer kalt.

Schriftsteller sollten solche Redundanzen (Doppelungen) vermeiden:

- weißer Schimmel
- flüssiges Wasser
- Haarfrisur
- alter Greis
- runde Kugel
- zwei Zwillinge

Eine Tautologie besteht, wenn Folgendes ausgesagt wird:
"Wenn A, dann A".
Beispiele:

"Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst."
(Edwin Boring)

oder:

"Wenn du wüsstest, was ich empfinde, dann wüsstest du, was ich empfinde!" (Julia Roberts in Die Hochzeit meines besten Freundes)



Eine Ausnahme gibt es natürlich: Wenn die Tautologie eine Bedeutung hat.
Der Hauptmann in Woyzeck zeigt mit dem unsinnigen Satz von der Moral, dass er selbst gar nicht erklären kann, was Moral eigentlich ist.



Teekesselchen

SprachlehrePosted by Mara Sun, September 20, 2015 13:41:07

Heute mal ein leichtes Thema: Teekesselchen.

Wer kennt das Spiel noch aus seiner Kindheit?

Es ging darum, Wörter zu finden, die zwei Bedeutungen haben, wie z.B. Hahn (Wasserhahn/männl. Huhn), Blüte (Blume/Falschgeld) oder Schuppen (Fischgewand/kleine Hütte).

Auch für Autoren ist das Thema interessant.

Offiziell heißen solche Wörter mit mehreren Bedeutungen Homonyme.

(Das Gegenteil sind Synonyme: mehrere Wörter stehen für den gleichen Begriff; z. B. Apfelsine = Orange; Mobiltelefon = Handy)

Aufpassen muss man in den Fällen, in denen die gleichklingenden Wörter unterschiedliche Artikel haben und unterschiedlich dekliniert werden.

Neulich gab es bei Facebook eine interessante Diskussion über das Wort Schild.

Eine junge Autorin hat „der Schild“ geschrieben und wurde kritisiert, weil es angeblich „das Schild“ heißen müsse …

Nochmal zur Übersicht:



Das Wort „Teekesselchen“ ist übrigens auch selbst ein Teekesselchen (kleiner Kessel zum Teekochen/Homonym).

Und welche Teekesselchen kennt ihr so?



Scheinbar oder anscheinend?

SprachlehrePosted by Mara Wed, August 12, 2015 09:55:30

Der Unterschied zwischen "scheinbar" und "anscheinend" ist eigentlich ganz klar und einfach. Dennoch werden die beiden Begriffe oft verwechselt.

Was ist der Unterschied zwischen:
"Er ist scheinbar reich" und
"Er ist anscheinend reich"?

anscheinend: es wirkt so und es ist (höchstwahrscheinlich) auch so
scheinbar: es wirkt so, ist aber NICHT so.

"Er ist scheinbar reich" bedeutet, dass er Markenimitate trägt und einen geliehenen Porsche fährt.

"Ich habe scheinbar den Mann meiner Träume gefunden" bedeutet, dass man auf einen Betrüger hereingefallen ist.



Wenn ihr das nächste Mal "scheinbar" sagen wollt, überlegt doch kurz, was ihr eigentlich ausdrücken wollt. In neun von zehn Fällen ist mit "scheinbar" eigentlich "anscheinend" gemeint.