Grammatikstübchen

Grammatikstübchen

In meinem kleinen Grammatikstübchen gebe ich kurze Erklärungen zu sprachlichen Phänomenen.

Hierbei beschränke ich mich nicht auf reine Grammatikregeln, sondern gebe auch einen Überblick zu anderen relevanten Themen für Autoren.

Hier geht es zur Hauptseite: syntax-lektorat.de

`Ne Runde Mitleid für falsche Kurzformen

GrammatikPosted by Mara Thu, October 22, 2015 20:19:35

Ich will ´nen Eis!

Bei solchen Sätzen läuft es mir kalt den Rücken hinunter.


Denn:

`ne ist die Abkürzung von eine.

´nen ist die Abkürzung von einen.

´n ist die Abkürzung von ein.

Ich will ´nen Eis bedeutet also: Ich will einen Eis. (Der Eis?)
Geht gar nicht.

Eigentlich ist es total einfach.

Man lässt einfach jeweils das „ei-„ weg. Das ist schon alles. Zum Überprüfen sollte man es aber mitsprechen. Dann merkt man sofort, was man schreiben kann.

Korrekt ist:

Ich will ´n Eis.

Ich brauche ´nen guten Lektor.

Ich bin ´ne Nervensäge.



Dichterische Freiheit

GrammatikPosted by Mara Wed, September 09, 2015 22:13:22
In einem Laiengedicht las ich neulich den Konjunktiv "sie beschwörten". Auf meinen Einwand hin, dass es "beschwören" oder "beschwüren" heißen müsste, wurde mir erklärt, es handele sich um "Dichterische Freiheit".

In letzter Zeit bin öfters darüber gestolpert, dass offensichtliche Fehler als "Dichterische Freiheit" bezeichnet worden sind.

Daher möchte ich eine kleine Definition geben:

Dichterische Freiheit bezeichnet einen absichtlichen Verstoß gegen allgemeingültige Regeln, der mit einer bestimmten Intention begangen wird.

Um absichtlich und gezielt gegen die Regeln zu verstoßen, muss man sie jedoch erst einmal beherrschen.

Beispiel:
In dem Gedicht Der Werwolf von Christian Morgenstern kommt "des Weswolfs" vor. Das ist kein Fehler, sondern ein bewusster Verstoß gegen die grammatische Form, da es im gesamten Gedicht um eine scherzhafte Auseinandersetzung mit den vier Fällen geht. Dies ist ein Beispiel für dichterische Freiheit, da Morgenstern mit der verballhornisierten Form etwas Bestimmtes bezweckt.


Wer Autor werden will, sollte die deutsche Sprache beherrschen.
Wer sich bei einer Form unsicher ist, sollte in einem Wörterbuch nachschlagen. Wer keines zur Hand hat, wird auch unter duden.de fündig.

Niemand weiß alles, aber jeder angehende Autor sollte bereit sein, sich weiterzubilden. Wer seine Fehler als Dichterische Freiheit bezeichnet, tut sich auf lange Sicht keinen Gefallen.





Gesaugt oder gesogen? Geschleift oder geschliffen?

GrammatikPosted by Mara Tue, September 08, 2015 12:42:22

Starke und schwache Verben

Ein schwaches Verb wird regelmäßig konjugiert, die Vokale bleiben gleich.
Beispiel: kaufen, kaufte, gekauft; wischen, wischte, gewischt,

Ein starkes Verb weist Vokaländerungen in anderen Zeitformen auf:
Beispiel: singen, sang, gesungen; essen, aß, gegessen

Es gibt Verben, die früher stark waren und heute schwach konjugiert werden:

Beispiel:

Früher: frug, jug

Heute: fragte, jagte

Für manche Verben sind beide Konjugationsmöglichkeiten zulässig:
Beispiel: Die Ferkel saugten/sogen.

Bei manchen Verben gibt es jedoch je nach Konjugationsform Bedeutungsunterschiede:

schleifen

Die Messer wurden geschliffen (schärfer gemacht)

Der Teppich wurde über den Boden geschleift (gezogen).

hängen

Er hängte das Bild auf. (aktiv)

Das Bild hing an der Wand. (passiv)

Achtung:

Es heißt immer: winken, winkte, gewinkt

gewunken ist falsch!

In Dialekten gibt es viele Formen, die in der Schriftsprache unzulässig sind.

Beispiel: gemalen statt gemalt, gebaden statt gebadet.

Im Zweifelsfall lieber nachschlagen, als eine falsche Form zu verwenden.



Und Neun ist Eins, und Zehn ist keins...

GrammatikPosted by Mara Sun, August 30, 2015 22:57:16
Entgegen einer weitverbreiteten Meinung ist es nicht strikt festgelegt, wann Zahlen ausgeschrieben werden müssen.
Es hat sich eingebürgert, Zahlen von 1-12 auszuschreiben und Zahlen ab 13 als Ziffern zu schreiben. Aus dem Buchdruck stammt die ungeschriebene Regel, auch Null, Hundert und Tausend auszuschreiben. Je nach Textsorte ist es jedoch möglich, die Schreibweise anders zu handhaben.

Grundzahlen schreibt man in der Regel klein (Ich zähle bis drei). Wenn eine Zahl jedoch für eine Ziffer steht, beispielsweise als Note oder Straßenbahnnummer, dann wird sie großgeschrieben (Er hat eine Fünf in Mathe, wir fahren mit der Neun).

Bei der Kombination mit einem Währungs- oder Prozentzeichen werden Zahlen jedoch niemals ausgeschrieben.

möglich: 2 Euro, zwei Euro, 2 €
unmöglich: zwei €

Wenn Zahlen in einem Wort vorkommen, werden sie entweder einfach ausgeschrieben, wobei die üblichen Regeln für zusammengesetzte Wörter im Deutschen gelten (siehe Blogeintrag). Oder sie werden als Ziffern in die Wörter hineingefügt, dann ist jedoch auf die genauen Endungen zu achten:

richtig: 50ster Geburtstag
falsch: 50igster Geburtstag

Apostrophe haben hier ebenfalls nichts zu suchen.

Häufige Fehler

GrammatikPosted by Mara Thu, August 27, 2015 14:29:32

Es gibt Konstruktionen, die wir oft automatisch verwenden, obwohl sie eigentlich falsch sind.

Wie heißt es richtig:

1. Er hat mir zugewunken oder Er hat mir zugewinkt?

2. Dank des Eingreifens der Polizei oder Dank dem Eingreifen der Polizei?

3. Der Ärger war vorprogrammiert oder Der Ärger war programmiert.

4. Das ist doch gang und gebe oder Das ist doch gang und gäbe.


1. Er hat mir zugewunken oder Er hat mir zugewinkt?

Es heißt tatsächlich gewinkt.

Winken ist ein regelmäßiges Verb. Die Formen werden ganz regelmäßig winken – winkte ­– gewinkt gebildet. Gewunken ist eine falsche Analogiebildung zu trinken – trank – getrunken.

(Es heißt ja auch nicht: winken – wank – gewunken).

2. Dank des Eingreifens der Polizei oder Dank dem Eingreifen der Polizei?

Auf den Genitiv wird nicht zuletzt dank Sebastian Sick seit einiger Zeit sehr großen Wert gelegt. Aber es gibt Fälle, in denen er fälschlicherweise eingesetzt wird.

Es heißt ganz klar: jemandem danken (wem?).

Daher muss es heißen: Dank dem Eingreifen der Polizei.

3. (Der Ärger war vorprogrammiert) oder Der Ärger war programmiert.

Der Ärger war vorprogrammiert ist zwar nicht falsch, aber die Silbe "vor" ist überflüssig. Man kann etwas immer nur vorher programmieren, daher wäre korrekt: Der Ärger war programmiert.

Es handelt sich um einen Pleonasmus (Doppelung, überflüssige Information) wie bei Fußzehen, Haarfrisur oder tödlicher Exitus.

4. Das ist doch gang und gebe oder Das ist doch gang und gäbe.

Gang und gäbe stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet üblich, gängig oder auch angenehm.



Lila, lilane oder lilae Blumen?

GrammatikPosted by Mara Thu, August 20, 2015 14:18:51

"Die rosanen Blumen gefallen mir nicht, ich will lieber die orangenen!"

"Aber die passen nicht zu meinem lilanen Kleid!"

Was ist an diesem Dialog falsch?

Genau, irgendwas stimmt nicht mit "lilanen". Aber was? (Es ist eine falsche Analogbildung zu "grünen".)

Und vor allem, wie heißt es denn richtig?

Das lilae Keid? Das lila Kleid? Nichts davon fühlt sich richtig an.

Das liegt daran, dass wir es mit einem eingedeutschten Adjektiv zu tun haben, das normalerweise nur in der normalen Position eines Adjektivs steht: "Das Kleid ist lila."

In diesem Fall gibt es keine Schwierigkeiten.

Früher wurden solche Adjektive selten attributiv gebraucht (das bedeutet: vor dem Hauptwort stehend).

Doch in der deutschen Sprache hat es sich eingebürgert, auch die aus anderen Sprachen übernommenen Adjektive wie beige, rosa, krude etc. immer häufiger in die Position vor ein Hauptwort zu setzen.

Und was machen wir jetzt?

Es gibt eine korrekte Lösung, und eine elegante.

Die korrekte Lösung richtet sich strikt nach dem Duden, der besagt, dass aus einer Fremdsprache übernommene Adjektive überhaupt nicht gebeugt werden dürfen, also absolut nicht verändert!

Ganz korrekt heißt es also: die rosa Blume, die lila Bluse, die beige Hose und die türkis Jacke! Ja, richtig gesehen, türkis Jacke!

Und spätestens hier hört es für mich dann mit der formalkorrekten Grammatik auf.

Ich gehe in solchen Fällen zur eleganten Lösung über, die einfach die Endung "-farbig" oder "-farben" an das Adjektiv anhängt:

"Die rosafarbenen Blüten passten perfekt zu ihrer türkisfarbenen Jacke."

Mit diesem Trick werden sowohl der Duden als auch unser Sprachgefühl zufriedengestellt.

Und nun wünsche ich euch noch einen schönen blauen Tag mit vielen azurfarbenen und rosa Wölkchen!



Sonderformen beim Plural im Deutschen

GrammatikPosted by Mara Mon, August 17, 2015 19:45:48

Der Plural im Deutschen (die Mehrzahl) wird normalerweise mit den Endungen n/en, e, r/er, s gebildet oder ist endungslos (ein Mädchen, zwei Mädchen). Muttersprachler haben damit in der Regel keine Schwierigkeiten. Komplizierter wird es bei Sonderfällen, die man kennen oder nachschlagen muss, weil man sie nicht nach einer Regel bilden kann.

Zwei gleichwertige mögliche Pluralformen (mit gleicher Bedeutung):

Motore oder Motoren

Kommas oder Kommata

Klimata oder Klimas

Labore oder Labors

Schemen oder Schemata

Zwei unterschiedliche Pluralformen (mit unterschiedlicher Bedeutung):

Wörter: die Mehrzahl konkreter einzelner Wörter (Die Wörter Haus, Hund und Hof beginnen alle mit H.)

Worte: Eher eine Rede oder Ansprache, der Inhalt ist gemeint (Seine Worte berührten ihr Herz.)

Plural mit unverändertem Wort (aber teilweise geänderter Betonung):

ein Fauxpas: viele Fauxpas

der Löffel: die Löffel

ein Knie [kniː]: zwei Knie [ˈkniːə]

der Status [ˈʃtaːtʊs]: die Status […tuːs] (langes u)

Sonderformen, die man kennen muss:

Atlas: Atlanten

Genus: Genera

Kaktus: Kakteen

die Liga: die Ligen

Sphinx: Sphingen

Universum: Universen

u.a.

Vorsicht bei doppelten Pluralformen:

Antibiotika ist die Mehrzahl von Antibiotikum (Antibiotikas ist falsch),

ebenso ist es mit Visa (nicht Visas) oder Praktika (nicht Praktikas).

Unzählbare Hauptwörter:

Chaos, Humus, Exitus

In diesem Fall muss man auf andere Wörter oder Umschreibungen ausweichen. (Überall herrschte Chaos. Sie benötigten sehr viel Humus. Er musste viele Todesfälle feststellen.)

Wörter, die es nur im Plural gibt:

Eltern, Leute, Ferien

Der Plural von eingedeutschten Fremdwörtern:

Eingedeutschte Fremdwörter werden in der Regel an die deutsche Grammarik angepasst.

Man sagt ja auch "ich hab etwas downgeloadet" und nicht "ich hab es down loaded".

Daher werden auch Wörter wie Baby, Party, Lady etc. im Deutschen ganz regulär mit einem s am Ende in den Plural gesetzt. Es heißt also Babys, Partys und Ladys (und nicht Babies, Parties und Ladies wie im Englischen).


Diese Aufzählung gibt nur einen Überblick und ist nicht vollständig.

Ganz allgemein: Jedem Autor lege ich dringend ans Herz, ein Wort lieber dreimal zu viel als einmal zu wenig nachzuschlagen.



Zusammengesetzte Wörter

GrammatikPosted by Mara Wed, August 12, 2015 14:27:26

Zusammengesetzte Wörter im Deutschen

Da ich momentan dauernd darüber stolpere, möchte ich eine kurze Erklärung zu zusammengesetzten Wörtern und Wortneuschöpfungen im Deutschen geben:

Zuerst mal die einfachste Regel: Im Deutschen kann ein zusammengesetztes Wort immer nur EIN einziges Wort ergeben. Zwei Wörter hintereinander mit Leerzeichen sind unmöglich (falsch: Spiderman Film; richtig: Spidermanfilm oder Spiderman-Film).

Daher heißt es bei uns "Herr Müller-Hohenstein", währen man in Amerika durchaus "Mrs Cuoco Sweeting" schreiben kann.

Im Englischen kann man beliebig kombinieren und beispielweise von einem "mind orgasm" sprechen. Dagegen darf es im Deutschen nur Kopforgasmus heißen. (Was so blöd klingt, dass man in diesem Fall doch lieber aufs Englische ausweicht...)

Bei Wortneuschöpfungen (oder wenn man die Zusammensetzung besonders betonen möchte), wird zur Schreibweise mit Bindestrich geraten. In allen anderen Fällen sollten die Wörter jedoch in EIN Wort zusammengezogen werden, also ohne Bindestrich und mit kleinem Anfangsbuchstaben des zweiten Wortes. Diese Schreibweise ist wesentlich lesefreundlicher. Zuviele Bindestriche stören den Lesefluß.

Apfel+Baum = Apfelbaum

Chaos+Veranstaltung = Chaosveranstaltung (oder Chaos-Veranstaltung)

Ausnahmen:

In Firmennamen darf man von den Grammatikregeln abweichen, weil sie auffallen wollen und dürfen.
Ebenso ist in Logos alles erlaubt, weil sie eher Bilder als Wörter sind. Daher kann in einem Logobild "Syntax LEKTORAT" stehen, aber in einem Fließtext muss es Syntaxlektorat oder Syntax-Lektorat heißen.

Wie ist es nun mit Wörtern, die aus einem ganzen Satz bestehen?

Der "Ich hab es dir ja gleich gesagt"- Blick kann entweder mit dem kompletten Satz in Anführungsstrichen PLUS Bindestrich zum Verbindungswort (Blick) geschrieben werden, oder einfach stur mit Bindestrichen zwischen allen Wörtern:

Ich-hab-es-dir-ja-gleich-gesagt-Blick.

Groß- oder Kleinschreibung?

Bei zusammengesetzten Wörtern richtet sich die Groß- oder Kleinschreibung des Anfangsbuchstabens nach dem Wort, das die Wortart bestimmt. Dieses ist in 99% der Fälle das letzte Wort in dem zusammengesetzten Begriff: Eine Zeitreise ist eine Reise (keine Zeit), eine Reisezeit ist eine Zeit (keine Reise).

Ein Wutbürger ist ein Bürger, daher wird das B großgeschrieben, weil es sich um ein Hauptwort handelt.

Wasser, das saukalt ist, ist kalt (keine Sau), daher wird der Anfangsbuchstabe k kleingeschrieben, da es sich um ein Adjektiv (Eigenschaftswort) handelt.

(Ausnahme: Nürnberg-Nord bezeichnet nicht einen speziellen Norden, sondern eine Stelle in Nürnberg. Diese Ausnahmen sind aber so selten, dass man sie bei dieser Regel praktisch vernachlässigen kann.)

Fragen dürft ihr gerne in die Kommentare schreiben.
Ich versuche, sie zeitnah zu beantworten.







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